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05.07.2001
16:33 Uhr

Wurde Atomunfall in der Geest von den Behörden vertuscht?

Wissenschaftler haben nach eigenen Angaben neue Hinweise auf einen vertuschten Atomunfall in den Geesthachter Atomanlagen gefunden. Es gebe inzwischen eine "dichte Indizienkette, dass da etwas schiefgelaufen ist", sagte Heinz-Werner Gabriel von der Arbeitsgemeinschaft Physikalische Analytik und Messtechnik (ARGE PhAM), Weinheim, am Donnerstag in Hamburg. Aktuelle Untersuchungen an den Universitäten in Gießen und Marburg hätten Spuren von angereichertem Uran entdeckt, die weder durch "Bombenfallout" noch durch die Auswirkungen des Tschernobyl-Unfalls erklärt werden könnten. Angereichertes Uran sei in 15 von 16 Bodenproben rund um die Anlagen entdeckt worden.

Man gehe davon aus, dass die radioaktiven Partikel bei einem Atomunfall in einer Forschungseinrichtung freigesetzt wurden, der bis heute von den Behörden vertuscht werde, sagte Gabriel. Die Landesregierung von Schleswig-Holstein habe das Vorhandensein von in der Natur nicht vorkommendem Uran in Elbmarsch und Geest bisher geleugnet. Bei einer nachträglichen Analyse von Messungen, die im Auftrag der Landesbehörden von Schleswig-Holstein und Niedersachsen durchgeführt wurden, habe man jedoch ebenfalls angereichertes Uran entdeckt, betonte Gabriel.

Man habe deutliche Hinweise dafür gefunden, dass etwas vertuscht werden solle. In einem breiten Streifen am Elbufer gegenüber den Atomanlagen sei die Radioaktivität drastisch niedriger als in der Umgebung. Nachforschungen haben Gabriel zufolge ergeben, dass dort 1987 Erdarbeiten stattgefunden haben, die angeblich der Elbverbreiterung dienen sollten. Die Elbe sei an der Stelle aber nicht verbreitert worden. Wenn es tatsächlich einen Unfall gegeben habe, dann sei diese Stelle durch die Fallwinde besonders stark verseucht worden.

Wissenschaftler der ARGE PhAM hätten zudem das Vorkommen so genannter PAC-Kernbrennstoff-Kügelchen in der Gegend bestätigt. Man habe 200 bis 300 dieser Teilchen separiert, von denen einige verschmolzen seien. Dafür sind laut Gabriel Temperaturen notwendig, die mit chemischen Brennstoffen nicht erreicht werden können. Diese Funde erhärteten den Verdacht eines Forschungsunfalls, sagte Gabriel.

Mit den neuen Forschungsergebnissen lässt sich nach Gabriels Ansicht die Radioaktivitätswolke aus der Geest im September 1986 erklären. Die Erklärung der Atomaufsicht, es habe sich um einen Aufstau von natürlicher Radioaktivität durch Radon gehandelt, werde damit eindeutig in Frage gestellt. Gabriel kritisierte: "Die Behauptung der Behörden ist Volksverdummung."

Die Studie wurde von der deutschen Sektion der Ärzteorganisation IPPNW in Auftrag gegeben. Umweltmediziner Hayo Dieckmann betonte, die hohe Verbreitung von Leukämie bei Kindern nahe den Geesthachter Atomanlagen sei weltweit einzigartig. Nirgendwo sonst sei in der Fachliteratur eine vergleichbare Häufung kindlicher Leukämien beschrieben worden. Allein in der kleinen Gemeinde Tespe seien innerhalb kurzer Zeit sechs Kinder an Blutkrebs erkrankt. Statistisch gesehen wäre dort jedoch nur alle 58 Jahre ein solcher Fall zu erwarten. Nichtatomare Ursachen seien von zwei wissenschaftlichen Kommissionen der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein ausgeschlossen worden. Es bleibe nur radioaktive Strahlung als Ursache übrig.

Aufgrund einer Strafanzeige des IPPNW ermittle seit Februar die Staatsanwaltschaft Lübeck in diesem Fall gegen Unbekannt, sagte Dieckmann. Ute Watermann von der Ärzteorganisation forderte die Atomaufsichtsbehörde Kiel auf, die Unterlagen über Störfälle endlich offenzulegen. Zudem müssten identische Proben von unterschiedlichen Instituten untersucht werden, um die Ergebnisse zu erhärten.

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